Bettruhe vor der Geburt – hilfreich oder schädlich?


Bettruhe, zum Teil mit Einweisung im Krankenhaus, ist etwas, das vielen werdenden Müttern angeraten wird, z. B. wegen vorzeitigen Wehen, inkompetenter Cervix, Problemen mit der Plazenta, Mehrlingen, vaginalen Blutungen, hohem Blutdruck/Präeklampsie, zu geringem Wachstum des Babys, zu wenig Fruchtwasser. Auch in meinem Bekanntenkreis mussten dies viele Schwangere erleben, und diese Tage, Wochen, manchmal sogar Monate, waren  für alle von ihnen eine schreckliche Zeit. Nicht nur wegen der Angst um das Baby, sondern auch die Bettruhe an sich. Zugegeben, oft wünscht man sich in der Schwangerschaft mehr Ruhe, ist total müde, aber absolute Bettruhe ist etwas anderes. Wie sinnvoll ist denn die Bettruhe? Diese Frage wird im Blog Science & Sensibility in  einem neuen Artikel von Darline Turner-Lee „Bettruhe vor der Geburt„, sehr gut erläutert.

Darline Turner-Lee hat ihren eigenen Blog zu diesem Thema:  Mamasonbedrest-Blog.
Deshalb habe ich diesen Artikel zusammengefasst und übersetzt:

„Bettruhe bedeutet  oft, dass die Schwangeren nur aufstehen dürfen, um die Toilette zu benutzen. Die Indikationen für die Bettruhe variieren, aber die gemeinsame Grundlage ist die Hoffnung, damit eine vorzeitige Geburt des Babys verhindern zu können. Frühgeburtlichkeit ist die Hauptursache für  Erkrankungen und Tot der Neugeborenen in entwickelten Ländern. 2005 waren in den USA 65% aller gestorbenen, unter einem Jahr alten Babys, Frühchen.  Die Rate der Frühgeborenen an allen Geburten  betrug  2005 12.7% und ist im Steigen begriffen. Im Vergleich zu den USA  ist die Frühgeburtsrate  in europäischen Ländern geringer.  (siehe hier und hier, in Deutschland lag sie 2003 bei 8,97%.)

Bis heute gibt es noch keine Daten, welche die Wirksamkeit der Bettruhe hinsichtlich der Verhinderung von vorzeitigen, geburtswirksamen Wehen und Frühgeburten unterstützen. Im Gegenteil, der größte Teil der Forschung zeigt, dass der Schaden den Nutzen überwiegt.  (1-5).  Dazu kommt, dass Bettruhe in der Klinik (stationärer Aufenthalt)  noch schlimmere Folgen für die mütterliche und kindliche Morbidität, sowie Mortalität hat, als Bettruhe zu Hause. Um diese Ergebnisse weiter zu untersuchen, hat  Judith Maloni, PhD, RN, FAAN eine integrierende Literatursuche zu den vorhandenen Daten unternommen. Ihr Resultat wurde im Artikel,  “Antepartum Bed Rest for Pregnancy Complications: Efficacy and Safety for Preventing Preterm Birth” (Biological Research for Nursing, October 2010,Volume 12 (2) 102-124) (hier könnt ihr den Artikel lesen) veröffentlicht. Obwohl die absolute Bettruhe in den USA seit 30 Jahren in der Geburtsheilkunde angeordnet wird , fand Maloni keinen Beleg für ihre Wirksamkeit. Im Gegenteil, sie fand heraus, dass es zunehmende Beweise dafür gibt, dass eine absolute Bettruhe einige ernsthafte negative körperliche und psychische Folgen für Mutter und Kind hat, aber dieses Wissen hat bisher keinen Eingang auf die klinische Praxis gefunden. In ihrem Artikel schlägt sie vor welche zusätzliche Forschung zur absoluten Bettruhe notwendig wäre.

……

Ergebnisse
Man kann verschiedene Folgerungen aus den Studien zur Bettruhe schließen, aber keine davon unterstützt die Vorstellung, dass absolute Bettruhe, verbunden mit einer  Restriktion der Bewegung, hilfreich bei der Verhinderung von vorzeitigen geburtswirksamen Wehen ist. Schnell wurde deutlich, dass absolute Bettruhe, verbunden mit Bewegungsrestriktion, einige gesundheitsschädliche Effekte für Mutter und Baby mit sich bringt. So weiß man durch die Weltraumforschung, von den negativen Wirkungen des bewegungslosen Liegen auf dem Rücken (Mehr Flüssigkeit im Kopfbereich führt zu funktionaler Änderung des Herz-Kreislaufsystems, verändert den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, ebenso die Hormonbalance, das hämatologische, das neurosensorische und das vestibuläre System. Zusätzlich ändert sich die Verteilung des Körpergewichts, die Muskelmasse nimmt ab und die Knochen werden demineralisiert). Diese Veränderungen bleiben noch einige Zeit bestehen, eventuell haben sie bleibende Effekte. Die Erholungsphase in der Zeit nach der Geburt dauert länger und die Mütter berichten von Müdigkeit, Rückenschmerzen, Muskelschmerzen, Veränderungen des Schlafes, Schmerzen in den Mutterbändern, Verstopfung der Nase, Sodbrennen und Verdauungsbeschwerden. Und zwar nicht nur während der Bettruhe, sondern auch noch nach mehr als 6 Wochen nach der Geburt.

….Schwangere Mütter verlieren aufgrund der Bettruhe oft ihren Appetit und nehmen deswegen nicht  zu, und sogar ab. Dies bedeutet eine Gefahr für das Wachstum des Babys. Drei der Studien zeigten, dass Mütter während der Bettruhe, egal ob im Krankenhaus, oder zu Hause, nicht ausreichend zunahmen.

Bei der Literaturanalyse wurde immer wieder deutlich, wie sich bei längerer Bettruhe das Verhalten der Mütter ändert. Mütter äußerten, dass sie sich wie im Gefängnis fühlten und dass sie unter Reizentzug litten. Sie machten sich Sorgen um ihr Leben und um das Leben ihrer Familie. Sie fühlten sich hilflos, kraftlos und verloren das Vertrauen, selbst etwas bewerkstelligen zu können. Dieser Stress führte zu Änderung der Gemütslage und oft zu Pre- oder Postpartaler Depression.  Die Symptome waren am ausgeprägtesten bei Frauen, die stationär aufgenommen waren und zeigten sich noch 6 Wochen  nach der Geburt. Die anderen Familienmitglieder befanden sich ebenfalls unter Stress, besonders die Partner, die sich um die Familien und um die bettlägerige Mutter kümmern mussten. Es war auch vermerkt worden, dass die nach Bettruhe geborenen Kinder häufiger an Allergien und Reisekrankheit litten, und häufiger in den Schlaf gewiegt werden mussten, als Kinder, deren Mütter niemals eine absolute Bettruhe eingehalten hatten.

……….

Diskussion
Aufgrund der großen Belastung , welche die  absolute Bettruhe für Mutter, Kind und Familie bedeutet, und dem bisher fehlendem Nachweis ihrer Wirksamkeit, stimmen Experten darin überein, dass die Bettruhe kein üblicher Bestandteil  bei der  Vermeidung von  vorzeitigen Geburten sein sollte, sondern in der Regel auf diese Praxis verzichtet werden soll (1,,3, 5,6,7). Es kann sein, dass direkt nach einer Krisis eine Hospitalisierung für eine gewisse Zeit notwendig sein kann, aber nach einer Stabilisierung von Mutter und Kind, sollte die Schwangere wieder nach Hause entlassen werden. Und zwar mit Angaben zu Änderungen oder Einschränkungen der Aktivität und Verschreibung von Unterstützung (Haushaltshilfe, Untersuchung von Mutter und Kind zu Hause, psychologische Unterstützung).

Viele Experten argumentieren, dass die neonatale Sterblichkeit in den letzten 20 Jahren zurückgegangen ist. Doch dies ist vor allem die Folge einer verbesserten Intensivversorgung der Neugeborenen und der guten Erreichbarkeit dieser Versorgungszentren. Aber die Frühgeburtlichkeit selbst blieb gleich  (6,7,10).  Von daher sind die Forscher zunehmend skeptisch, dass das bisherige US-amerikanische Modell der Vorsorge, hinsichtlich der Verschreibung von Bettruhe bei befürchteter Frühgeburt,  letztere tatsächlich verhindern kann. Einige Forscher befürworten die Anwendung von Steroiden, Beruhigungsmitteln und psychologischer Unterstützung. Andere merken an, dass diese Methoden erst noch ihre Wirksamkeit beweisen müssen  (6,7,11). Maloni ist, in Übereinstimmung zu ihren Forschungsergebnissen, der Meinung, es sei eine Revision des Managements, bei befürchteter Frühgeburtlichkeit, notwendig. Sie und andere treten für eine Neubewertung  der Schwangerschaftsvorsorge  ein and plädieren für die Erarbeitung eines neuen Vorsorgekonzepts, um die Gesundheit aller Frauen zu verbessern.

Neu hinzugefügt am 20.11.2013

Bettruhe erhöht das Risiko für eine eine Thrombose um das Vielfache

Eine normale Schwangerschaft erhöht das Risiko auf eine venöse Thromboembolie der Venen oder der Lunge. Diese gehört in den entwickelten Ländern zu den häufigsten Ursachen für eine Müttersterblichkeit. Wird eine Frau zudem z. B. wegen vorzeitigen Wehen zur Bettruhe im Krankenhaus gezwungen, so steigt dieses Risiko stark an und zwar, laut einer Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2013; 347: f6099) im Mittel um das 17,5 – fache. Das Risiko war nach 28 Tagen nach der Entlassung noch um das 6,3 – fache erhöht. Dabei bei die Risikoerhöhung um so stärker ausgefallen, je länger die werdende Mutter Bettruhe im Krankenhaus einhalten musste.

Weitere Faktoren, die eine venöse Thromboembolie begünstigen, sind Fettleibigkeit, Rauchen, Mehrlingsschwangerschaften, frühere Geburten und ein höheres Alter. Link zum deutschen Ärzteblatt

Referenzen von Darlene Turner Lee

  1. Crowther, C. (2009) “Hospitalization and bed rest for multiple pregnancy.” Cochrane Database of Systematic Reviews, (2), CD000110. Accession number: 00075320-100000000-00712
  2. Elliott, JP, et al (2005) “A randomized multicenter study to determine the efficacy of activity restriction for preterm labor management in patients testing negative for fetalfibronectin.” Journal of Perinatology, 25, 626-630.
  3. Meher,S., Abalos, E., & Carroli, G. (2005) Bedrest with or without hospitalization for hypertension during pregnancy. Cochrane Database of Systematic Reviews, Issue 4. Art. No.: CD003514. DOI: 10.1002/14651858.CD003514.pub2. Last update January 18, 2010.
  4. Say, L., Gulmezoglu, A.M., & Hofmeyer, G.J. (2009) Bed rest in hospital for suspected impaired fetal growth. Cochrane Database of Systematic Reviews, (3), CD000034. Accession number: 00075320-100000000-01075.
  5. Sosa, C., Althabe, F., Belizan, J., & Bergel, E. (2009) “Bed rest in singleton pregnancies for preventing preterm birth.” Cochrane Database of Systematic Reviews, (2), CD003581. Accession Number: 00075320-100000000-02667.
  6. Goldenberg, R.L. (2002) “The management of preterm labor.” Obstetrics and Gynecology, 100. 1020-1037.
  7. Lu, M. C., et al (2003) “Preventing low birth weight: Is prenatal care the answer?” Journal of Maternal-Fetal & Neonatal Medicine, 13, 362-380.
  8. Heaman, M., Sprague, A.E., & Stewart, P.J.A. (2001) Reducing the preterm birth rate: A population health strategy.” Birth (30) 20-29.
  9. Hodnett, E.D., Fredericks, S. (2009) “Support during pregnancy for women at increased risk of low birthweight babies.” Cochrane Database of Systematic Reviews , (2) CD 000198. Accession number: 00075320-100000000-00157.

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