Stillen bei havariertem Atomreaktor


Die Vorstellung, dass Nahrung, Luft, Wasser ja die ganze Umgebung radioaktiv verseucht sein könnte ist einfach schrecklich. Wenn ich an die Menschen in Japan, in der Nähe von Fukuschima oder Tokio denke, fallen mir keine angemessenen Worte  ein. In dieser Situation die Verantwortung für sich selbst zu tragen, ist das eine, die Verantwortung für Kinder zu haben und Entscheidungen für sie treffen zu müssen, wie sie  leben, was sie essen und trinken sollen, ist eine große zusätzliche Belastung. Hat man noch ein Stillkind, stellt sich zudem noch die Frage, ob es jetzt für das Kind besser ist, wenn man abstillt oder weiterstillt? Eine Mutter möchte doch dem Kind nicht noch zusätzlich schaden.

Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass wir uns dieses niemals fragen müssen und dass ich niemals von einer Mutter danach gefragt werden muss. Aber, was wäre wenn? Ich habe ein bischen recherchiert:

Stillen angesichts eines Gaus (oder Super – Gaus)

Wer sich über die Wirkung der bei der Havarie eines Atomreaktors entweichenden Radionuklide und ihrer ionisierenden Strahlung informieren möchte, kann dies bei Wikipedia tun. Ich möchte hier nur kurz erwähne, dass die Kontamination durch die direkte Strahlung, durch das Einatmen von Partikeln und die orale Aufnahme (Essen und Trinken) erfolgt. Die Folgen reichen von sofort spürbaren radioaktiven Verbrennungen bis zu viel später auftretenden Krebserkrankungen.

Außerhalb der gefährlichsten Zone ist die Aufnahme von radioaktiven Partikeln, meistens Jod, das Hauptproblem. 90% der Jodteilchen, die sich auf Haut oder Kleidung anhaften können abgewaschen werden. Die radioaktiven Partikel können zudem eingeatmet werden und gelangen außerdem sehr schnell in die Nahrungskette und (über offene Wasserspeicher) ins Trinkwasser. Gerade kleine Kinder sind besonders gefährdet, denn Jod ist ein schwerer Partikel und sinkt zu Boden, genau dahin, wo sie krabbeln und sitzen.  Das Nahrungsmittel, in dem sie besonders schnell konzentriert werden, ist Kuhmilch. Nimmt die Mutter Jod aus der Umwelt auf, dann gelangt es auch in die Muttermilch. Und zwar höher als in der Umgebung, denn Jod wird aktiv in die Muttermilch eingeschleust, in einer höheren Konzentration als im Blutplasma.

Radioaktives Jod wird vom Körper genauso gut aufgenommen wie normales Jod. Egal ob eingeatmet, getrunken oder gegessen, es wird schnell in die Schilddrüse eingebaut. Es erzeugt dort, je nach Menge, kurzfristige Schäden, welche bis zur Zerstörung der Schilddrüse führen können, aber längerfristig auch Krebs erzeugen können. Damit die der Körper nicht so viel radioaktives Jod einbaut, wird den betroffenen Menschen geraten, ihren Körper mit einem  Überangebot an normalen, nicht radioaktiven Jod (Jodtabletten) zu überschwemmen, damit er dieses aufnimmt und einbaut bevor er mit dem radioaktiven Jod in Kontakt kommt.  Wenn die Schilddrüse vollständig mit Jod versorgt ist, nimmt sie für 24 Stunden kein Jod aus Nahrung, Wasser oder Atemluft auf.   Am besten ist es daher die Jodtablette kurz vor der Exposition mit radioaktivem Jod einzunehmen, ist dies nicht möglich, dann so schnell wie möglich danach. Vier oder sechs Stunden nach der Exposition gibt es kaum noch einen positiven Effekt.

Dass die Einnahme von Jodtabletten, zur richtigen Zeit und richtig dosiert, sinnvoll ist, ist unumstritten. Doch, wie sieht es mit dem Stillen aus? Soll weitergestillt werden oder nicht? Vorstellbar wäre, dass solange die Belastung anhält, abgepumpt und die Milch verworfen wird, und das Baby anderweitig ernährt wird. Doch ist denn sichergestellt, dass das Wasser und damit die Flaschenmilch oder die übrige Nahrung nicht ebenfalls belastet ist?

Dr. Ruth Lawrence, eine Toxikologin und Still-Expertin, schlägt dazu im Blog Breastfeeding medicine – Physisians blogging about breastfeeding vor, dass die Mutter, vor der Exposition mit radioaktiven Jod, ihre Jodtablette nehmen sollte und dann normal weiter stillen kann aber gleichzeitig dem Baby eine angepasste Jodmenge, abhängig vom Körpergewicht, gegeben werden muss.  Der, von den Tabletten gegebene Schutz, ist nur für 24 Stunden vorhanden, deshalb muss die Jodprophylaxe täglich eingenommen werden, und zwar so lange, wie  die Belastung mit radioaktiven Jod  anhält. Eine wiederholte Gabe von Jod an Neugeborene, kann  jedoch negative Folgen für die  Gehirnentwicklung mit sich bringen (Hypothyroidismus). Deshalb sollte es, zusammen mit seiner Mutter,  Priorität bei Schutzmaßnahmen bekommen :  Evakuation, Abschirmung, kontrollierte nicht kontaminierte Nahrung und Wasser. Ist  keine Jodprophylaxe möglich, aber „saubere“ Nahrung vorhanden, dann sollte das Kind natürlich diese Nahrung erhalten.

Noch immer tritt Radioaktivität aus den Reaktoren aus,  und die Kontamination der Umwelt steigt. Die Umgebung um Fukuschima soll bis auf weiteres nicht mehr besiedelt werden. Wir hoffen alle, dass das Unglück den bestmöglichen Verlauf nimmt, einen guten Verlauf, gibt es nicht.

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