Stilltipps von der Uniklinik – Mythen, Esoterik und Halbwahrheiten


Ja, ich muss zugeben, ich hab mich geärgert, richtig geärgert und in einem richtigen Blog (10 Tipps für das Schreiben eines Blogs), soll man sich auch mal aufregen. Das ist eben mal heute dran.

Was ist passiert? Ich habe einen Flyer zu  „Ernährungsempfehlungen für die Zeit der Schwangerschaft und die Stillzeit“ einer Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, einer eigentlich renommierten Universitätsklinik, in die Hände bekommen. Beim Durchlesen hat es mir meine lackierten Fußnägel hochgerollt. Nun, was hat das Gefühl des Ärgers bei mir erzeugt? Lest selbst die allgemeinen Ernährungsempfehlungen:

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, also einfach der Reihe nach (vorsicht, teilweise ironisch).

Rundkornreis, weißer Reis, kein Langkornreis, kein Basmati, Jasmin oder sonstiger Reis und auf jeden Fall kein Vollkornreis? Warum? Mir fällt kein wirklich vernünftiger Grund ein, der gegen z. B. Basmatireis sprechen würde. Und ich habe auch noch nie von dem gefährlichen Vollkornreis gehört. Außer, dass ich persönlich manchmal den Geschmack von Vollkornreis als muffig empfinde (vielleicht war er schon alt gewesen) und deshalb geschälten Reis meist vorziehe.

Mit Hirse, Hafer, Dinkelgries habe ich kein Problem, doch frage ich mich hier, warum Gries bei Dinkel und keine Körner oder Mehl, kann Hafer auch geflockt werden, und was wäre, nur um der Vollstädigkeit wegen, gegen Gerste oder Kamuth einzuwenden – oh, jetzt hätte ich fast Amaranth, Mais, Weizen, Roggen, ….. und Emmer vergessen. Zudem, darf es bei diesen Getreidearten die Vollkornvariante sein, oder sollten diese auch geschält sein?

Getreidebreie – ähem, nochmal Getreide, oder soll das heißen, Getreide nur als Brei?

Stärkende Suppen und Brühen – ja, lecker und sinnvoll

Polenta – Ist das nicht Maisbrei, d.h. Getreidebrei? Sind denn Getreidebreie, = ganz viel Kohlenhydrate (und wenn geschält auch viel vitaminarme, sog. leere Kohlenhydrate) wirklich das A und O für die Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit? Ich glaube nicht!

Gemüse und Obst sollte gekocht oder gegart werden – hört sich für mich ein bischen chinesisch/tibetanisch an, ziemlich esoterisch jedenfalls. Auf Vitamin C soll dann also verzichtet werden?

Hochwertiges(!) Fleisch und Fisch – Ja, tierisches Eiweiß ist leicht verderblich, sollte  durchgegart werden und, wenn möglich, Bioware vorziehen (Lebensmittelskandale). Aber auch bei allen anderen Lebensmittel darauf achten, dass sie nicht verdorben sind oder minderwertig.

Natürliche Milchprodukte mit frischem Obst – Oh, also doch frisches Obst, aber nur mit Milchprodukten – oder, noch besser, natürliche Milchprodukte nur mit frischem Obst, sonst lieber unnatürliche Milchprodukte (vielleicht ist hier an Analogkäse zu denken?).- Quatsch!

Kompott sollte mit Honig gesüßt werden – nicht mit bösem Zucker. Nun, Zucker gehört leider wirklich nicht zur gesunden Ernährung, nicht nur wenn man stillt oder schwanger ist. Am besten darauf weitgehend verzichten und nur geziehlt einsetzen – Honig in großen Mengen ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Vor allem wenn man ihn kocht, also nur nachsüßen, nicht mitkochen. Beim Kompott aus süßen Früchten kann getrost auch auf Honig verzichtet werden. Vom Zwang, Kompott auf jeden Fall mit Honig zu süßen, halte ich gar nichts!

Pudding, Kuchen o. ä. sollte mit Vollrohrzucker gesüßt werden – Es gilt obiges. Vollkornzucker deshalb, weil er etwas mehr Vitamine und Mineralstoffe hat, als raffinierter Zucker, und irgendwoher müssen diese ja kommen, wenn ansonsten das Getreide geschält, Gemüse und Obst gekocht werden müssen.

warme Tees, kein Pfefferminz- oder Salbeitee – denn diese beiden können die Milchmenge ganz schön reduzieren. Das mit dem „warmen“ kommt wieder aus dem asiatisch-esoterischem Bereich. Aber natürlich sollte man nichts Kaltes trinken, wenn man es nicht mag oder fröstelt und nichts Heißes, weil man sich sonst den Mund verbrennt.

Ernähren sie sich abwechslungsreich und phantasievoll – ja, dem kann ich nur beipflichten, heute Maisgriesbrei, morgen Hirsebrei und übermorgen Haferbrei ….

Es folgt nun auf dem Flyer eine kleine Liste mit Lebensmitteln, vor denen gewarnt wird:

 Auch hier geht es wieder bunt querbeet. Der Verzicht auf einiges im Flyer angegebenes ist immer sinnvoll und besonders, wenn noch ein Baby mitisst (Alkohol, Nikotin, Drogen, Diäten, Stress, Zucker, Fertigprodukte), manches kann sinnvoll sein, z. B. wenn das Baby eine empfindliche Verdauung hat (blähende Speisen, Zwiebel), manches wird  in Maßen von  einigen Baby vertragen (Kaffee, Schwarztee), von anderen gar nicht. Die meisten haben gar kein Problem, wenn ihre Mama  saure Früchte oder ungeschältes Getreide schnabuliert.  Bei Knoblauch in der Nahrung trinken viele Babys sogar besser. Verträgt das Baby kein Kuhmilcheiweiß (kleinste Partikel gehen in die Muttermilch über), so muss die Mutter  ganz auf Milch und Milchprodukte verzichten.

Bei den Tipps zu Blähungen stach mir besonders der 2-fache Hinweis auf Milchzuckerunverträglichkeit mit notwendigem Abstillen ins Auge. Ich glaube, hier wurde vielleicht die gerade oben erwähnte Kuhmilcheiweißallergie mit einem Milchzucker/Laktase Ungleichgewicht verwechselt. Bei ersterem soll nicht abgestillt werden, sondern die Mutter muss auf jegliches aus Milch verzichten. Abstillen macht meist keinen Sinn, da die betroffenen Säuglinge auf die allermeisten Ersatznahrungen auch allergisch reagieren können. Bei der sog. „Unverträglichkeit gegen Milchzucker“ fehlt dem Baby meist nicht die zum Verdauen des Milchzuckers nötige Laktase, dies kommt nur sehr, sehr selten vor, meist handelt es sich um ein Ungleichgewicht. In diesen Fällen hat die Mutter sehr viel Milch und das Baby bekommt beim Trinken zu viel von der milchzuckerreichen Vordermilch und zu wenig von der milchzuckerärmeren, fettreicheren Hintermilch. Die vom Baby hergestellte Menge an Laktase-Enzym, reicht dann nicht aus, den gesamten Milchzucker (Laktose) abzubauen, es kommt zu Blähungen. Durch ein geeignetes Stillmanagement können Enzym und Milchzucker wieder in Balance kommen und ein Abstillen ist nicht notwendig. 

Und nun zum letzten Punkt, es fehlt an Muttermilch:

Warum, um alles auf der Welt, steht das Wichtigste am Schluss, nach Hühnersuppe und Eisverbot?

Wer hat nur diesen Flyer verbrochen?

Alternative: Birthtimedoulas Tipps zur Milchbildung

Tipps zur Milchbildung – Soll ich schon in der Schwangerschaft Milchbildungstee trinken?


Das ist absolut nicht nötig. Und Milchbildungstee ist auch nicht notwendig um Stillen zu können. Dafür sind ganz andere Sachen wichtig. Zum Beispiel arbeitet die Milchbildung nach dem Prinzip, die Nachfrage bestimmt das Angebot. D.h., umso häufiger angelegt und die Brust vom Baby geleert wird, umso mehr Milch wird die Brust bilden können. Und diese Regel funktioniert auch umgekehrt. Selteneres Anlegen, oder die Brust wird selten geleert, bedeutet, dass die Milchproduktion von der Brust reduziert wird. Dabei regeln sich die Brüste relativ unabhängig von einander. Deshalb ist es auch möglich nur mit einer Brust zu stillen.
Was soll frau also tun, um die Milchproduktion zu steigern?

Mehr Milch, bitte!

Das wichtigste:

Das Baby muss gut angelegt sein und gut trinken können. Erschwert ihm die Art und Weise, wie es angelegt ist, das Trinken, dann kann es, unter Umständen, Stunden an der Brust verbringen, ohne richtig satt zu werden. Schläfrigen Babys kann mit Druckmassage der Brust  geholfen werden (Druck auf die Außenbereiche der Brust immer dann, wenn das Baby gerade aktiv saugt. Macht das Baby eine Trinkpause, dann nicht mehr drücken).
Häufiger Stillen – Stillen nach Bedarf, nicht nach Zeitplan. Lieber öfters kürzer anlegen, als selten aber lang.
Wenn das Baby das Interesse an der einen Brust verliert, mit Handkompression sicherstellen,
dass die Brust besser geleert wird, danach Seite wechseln, dies im mehrmaligen Wechsel.

Das hilft zusätzlich

viel Kontakt mit dem Baby, wenn möglich Haut an Haut
Entspannte innnere und äußere  Haltung (kein Stress, Ruhe, bequeme angenehme Umgebung, Zeit, angenehme Gedanken, sich vom Partner unterstützt fühlen und sein) – ich weiß, das ist wahrscheinlich das schwerste von allen Punkten.
Vor dem Stillen:  Brustmassage und Wärmen der Brust
Der BH darf nicht zu eng sein
Zusätzlich  Milchbildungstee trinken, dieser kann aber obige Punkte nicht ersetzen!!!!

Die handelsüblichen Tees haben als Zutaten meist Fenchel, Anis, Kümmel und evtl. noch  Zitronenverbene.  Bockshornklee (= Schabziegerklee) ist nur selten beigemischt, wäre aber auch nicht schlecht. Diese Teemischung kann man gut selber mischen  und nach Bedarf zermörsern und überbrühen. Bitte keine Unmengen davon trinken, maximal 1 Liter pro Tag, manche Quellen empfehlen nur 3 Tassen pro Tag und zwar zum Stillen, nicht direkt vor dem Stillen.

Natürlich kann man diese Kräuter auch im Essen verwenden (z. B. einfach Bockhornklee in die Suchmaschine eingeben, Liebhaberinnen orientalischer Küche werden viel Leckeres finden).

Weitere Pflanzen denen man noch  Milchbildungskräfte nachsagt, sind: Allgemein Getreide (Hafer, Gerste, Weizen), Alfalfa, Mariendistel (Cnicus benedictus)

Nicht vergessen:

Außerdem daran denken, dass viele Babys am späten Nachmittag ganz oft an die Brust wollen. Dieses ist normal und dient dazu, einen längeren Nachtschlaf zu sichern (= sogenanntes Clusterfeeding).

Oft wollen die Kleinen an die Brust, weil sie das gerne haben, nicht nur, weil sie Hunger haben.

Die Milchmenge passt sich im Verlauf der Stillzeit immer besser an den Bedarf des Babys an. Bei vielen Müttern, bei denen am Anfang die Milch „überfließt“, hört dies nach einigen Wochen auf.

Die Brust ist niemals völlig leer

Die notwendige Bedarfssteigerung ist anfangs am größten. Nach ein paar Wochen verlangsamt sich das Wachstum des Babys und auch die Bedarfssteigerung nimmt ab. Wachstumsschübe sind jedoch immer wieder möglich (halten sich nicht unbedingt an in manchen Büchern angegebenen Wochen) und da haben die Kleinen natürlich auch mehr Hunger. Beim Stillen nach Bedarf passt sich die Brust in wenigen Tagen an.

Zu vermeiden

Früher wurden stillenden Frauen noch Sekt und Malzbier empfohlen. Inzwischen weiß man, dass Alkohol (der sowieso nicht gut für Babys ist, aber das weiß inzwischen bestimmt jeder) nicht bei der Milchbildung hilft, im Gegenteil, die Babys trinken dann weniger, sie mögen wohl den Geschmack nicht. Und Malzbier hat so viele Kalorien, dass sich das Frauen das nicht antun sollten, außer man hat Schwierigkeiten mit Untergewicht. Zu viel Malzbier lässt einen aufgehen wie Hefeteig.

Ebenfalls die Milchmenge reduzieren können Salbei und Minzen, v.a. Pfefferminze

Abträglich ist auch Stress.

Anmerkung

Dann gibt es noch die Milchbildungskugeln. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie hauptsächlich aus Getreide bestehen, kohlenhydratreich und fettreich (=viele Kalorien) sind und die extrem zuckerhaltigen käuflichen Snacks ersetzen sollen, die Mütter sich schnell schnappen, weil sie vom Heißhunger gepackt werden und keine Zeit mehr zum Kochen finden. Besser ist natürlich eine allgemeine gute Küche, Milchkugeln sind nur für den Notfall.

Helfen diese einfachen Hausmittelchen nicht, dann bitte unbedingt ein Treffen mit einer Stillberaterin vereinbaren.

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